Wirtschaft

 

El Salvador: Zurück in die Armut

von Klaus Ehringfeld
Die Überweisungen von Auswanderern sind El Salvadors wichtigste Devisenquelle. Dieser Dollarstrom droht nun zu versiegen - weil in Amerika die Wirtschaft lahmt.
Ein Artikel aus dem Handelsblatt

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Geldtransfers - Ein Geschäft mit vielen Seiten

Die Geldüberweisungen der Armen wecken Begehrlichkeiten bei den Reichen von Eduard Fritsch Die Geldsendungen von ArbeitsmigrantInnen an ihre Familien in den Herkunftsländern, in Lateinamerika „remesas“ genannt, nützen natürlich diesen Familien. Mehr und mehr machen aber auch transnationale Banken mit diesen Schnittchen Schnitte.

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Migration statt Mais - Überleben mit Hilfe von Geldüberweisungen aus dem Ausland in El Salvador

 

Seit Jahren steigt die Migration aus El Salvador und damit die Menge der remesas, Überweisungen von MigrantInnen aus dem Ausland an ihre zurückgebliebenen Familienmitglieder. Nicht nur die salvadorianische Wirtschaft hängt von diesem Devisenfluss ab. Die remesas sind auch existenziell für die Sicherung des Lebensunterhalts einer zunehmenden Zahl von Haushalten. Vor allem für ländliche Familien, die durch kleinbäuerliche Produktion nicht mehr in der Lage sind, ihre Existenz zu sichern, stellt die Migration eines Familienmitglieds oft den letzten Ausweg dar.

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Geldüberweisungen nach El Salvador

 

Geldflüsse nach

El Salvador
(in Mio. $)

2000  

2001

2002

2003

2004

2005

2006*

2007

 

1,765

1,926

1,953

2,122

2,564

2,842

3,330

3,600

*18.2% des BNP 2006
Quelle: Weltbank

 

>> Den Wandel gestalten - Strategien der Entwicklung und Transformation (Studie der Bertelsmann-Stiftung)

Die wirtschaftliche Entwicklung El Salvadors (ausführliche Studie in englisch)

Von Agrarexporteuren zur Finanzoligarchie -

Der gesellschaftliche Wandel in El Salvadors Oligarchie

Von Juan José Dalton

In den letzten 35 Jahren hat sich die wirtschaftliche Elite El Salvadors verwandelt: von Großgrund besitzenden Agrarexporteuren zu Finanzkapitalisten. Der Reichtum El Salvadors ist jetzt in noch weniger Händen konzentriert, beispiellos in der Geschichte und in der gesamten Region. Waren es im letzten Jahrhundert 14 oligarchische Familien, so ist jetzt das Kapital bei acht großen Unternehmergruppen konzentriert.

Vor dem Bürgerkrieg von 1980 war die Wirtschaft El Salvadors von drei Agrarprodukten bestimmt: Kaffee, dem wichtigsten Exportgut, Zuckerrohr und Baumwolle. Diese Produkte bestimmten das Leben im kleinsten Land Mittelamerikas, das damals gerade mal etwas über 3 Millionen Einwohner zählte. Heute ist die Landwirtschaft praktisch verloren. Wo einst Kaffeeplantagen waren, wurden Banken und große Einkaufszentren errichtet.

 

Die Bevölkerung El Salvadors ist auf 6 Millionen Menschen angewachsen, von denen aber 2,5 Millionen in den USA leben. Sie schicken von dort so immense Summen Geldes ins Land, dass der Dollar die heimische Währung, den Colón, ersetzen konnte. Die Geldüberweisungen ("remesas") wurden zur wichtigsten Deviseneinnahmequelle des Landes, und sie steigen ständig an. Aus 14 Familien werden 8 Finanzgruppen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von namhaften Ökonomen, wobei die meisten Finanzgruppen aus der traditionellen Kaffee-Oligarchie hervorgingen. Alfonso Goitia, ein anerkannter Wirtschaftswissenschafter beschreibt diesen Transformationsprozess folgendermaßen: Wir haben versucht aufzuzeigen, wie die Wirtschaftspolitik der letzten 16 Jahre, in denen die ARENA die Regierung stellte und die vom einer Politik des Neoliberalismus bestimmt waren, den Prozess der Neukonzentration des Kapitals begünstigt hat. Diese schuf eine Dynamik der Ungleichheit, Armut und sozialen Ausgrenzung."

 

Während des Bürgerkrieges verloren die oligarchischen (14) Familien an Gewicht, nicht nur durch die Auswirkungen des Krieges sondern auch durch Reformen, wie die Agrarreform, die Verstaatlichung der Banken und des Außenhandels. Die Untersuchung von Goitia konzentrierte sich vor allem auf die Finanzstrukturen der salvadorianischen Unternehmen. Als Alfredo Cristiani (ARENA) 1989 Präsident wurde und die Macht übernahm, begannen Friedensverhandlungen mit der Guerilla, die 1992 schließlich zur Unterzeichnung der Abkommen von Chapultepec führten. In dieser Zeit wurden die Banken und der Außenhandel wieder privatisiert, und es begann ein Prozess der Privatisierung staatlicher Einrichtungen (Telekommunikation, Wasser etc), der noch nicht abgeschlossen ist, sowie eine intensive wirtschaftliche Öffnung.

 

Derzeit wird die Wirtschaft El Salvadors von acht Unternehmergruppen beherrscht, nämlich Cuscatlán, Banagrícola, Banco Salvadoreño, Banco de Comercio, Agrisal, Grupo Poma, Grupo de Sola und Grupo Hill. Jede von diesen Gruppen hat finanzielle Interessen im Finanzsektor, im Handel, in der Agrarindustrie und in der Bauwirtschaft. Die Grupo Cuscatlán z.B., in der Ex-Präsident Cristiani der wichtigste Akteur ist, beherrscht das lokale Banken- und Finanzierungssystem, gemeinsam mit der Grupo Banagrícola y der Grupo Simán, die beide gemeinsam die Banco Salvadoreño besitzen.

 

Wie mächtig diese Finanzgruppen sind, zeigt ein Ergebnis der Untersuchung von Goitia. Die Aktiva der fünf größten Finanzgruppen sind höher als das gesamte Bruttoinlandsprodukt. Die Grupo Cuscatlán wird gegenwärtig von drei Familien beherrscht, Cristiani, Llach y Hill, die El Banagrícola von den Familien Dueñas, Kriete, Palomo Déneke y Araujo Eserski. Die Grupo Simán von einem Konsortium der Familien Simán, Zablah y Salume. Alle diese Namen finden sich auch auf der Liste der traditionellen Kaffee-Oligarchie. Als Teil ihrer Unternehmerstrategie sind diese Gruppen Allianzen mit ausländischem Kapital eingegangen: die TACA (Fluglinie) z.B. wird von der Familie Kriete dominiert, die mit der Gruppe Carso des mexikanischen Magnaten Carlos Slim verflochten ist. Auch die Gruppe Poma, welche die gr0en Einkaufszentren kontrolliert ist mit dieser mexikanischen Gruppe verflochten.

 

Die Goitia-Studie hat auch aufgezeigt, dass die die Banken Cuscatlán, Agrícola y Salvadoreño nicht mehr länger salvadorianisch sind, sondern ihre Aktien in Panama haben und außerdem in ganz Zentralamerika tätig sind und dabei sind, ihr Geschäft auf die Karibik auszudehnen. Es ist Teil eines unternehmerischen Konzepts, die lokale Wirtschaft über ausländische Banken zu dominieren. Dort gilt internationales Recht, das mit dem Freihandelsabkommen (CAFTA) die lokale Wirtschaft immer offensichtlicher beherrscht. Die einzelnen Staaten stehen dem Eindringen dieser transnationalen Finanzgruppen schutzlos gegenüber. Keine Demokratie

 

Die Tatsache, dass fünf Kapitalgruppen über Aktiva verfügen, die über dem Bruttoinlandsprodukt liegen, bedeutet, dass sie die Kontrolle über die Wirtschaftspolitik dieses Landes und letztlich sogar über die gesamte Politik ausüben können. Auf diese Weise können sie jene Parteien von der Macht fernhalten, die ihren Interessen schaden könnten. Außerdem haben die Möglichkeit, die nationale Wirtschaft zu destabilisieren. In Europa und den USA sind die Finanzgruppen - anders als in El Salvador und anderen lateinamerikanischen Ländern - bestrebt, ihre Interessen langfristig zu wahren und unterstützen daher auf demokratische Prozesse.

 

In El Salvador kontrollieren die großen Unternehmergruppen die Regierungspartei samt ihrer gegen die Verfassung gerichteten Politik. Diese Situation führt zu einer Mangel an wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung im Gegensatz zum Wachstum bei diesen mächtigen Gruppen. Wenn dieser Trend anhält, dann sind eine fortschreitendes Polarisierung und Konfrontation die Folge. Mehr Menschen werden auswandern (schon jetzt versuchen täglich 700 SalvadorianerInnen in die USA zu gelangen). Ohne wirtschaftlichen Kurswechsel sind schwere Auseinandersetzungen und Instabilität vorprogrammiert. Andererseits bedeutet die zunehmende Veflechtung mit dem Ausland aber eine tendenziell geringere Einflussmöglichkeit der Oligarchie auf wirtschaftliche Entscheidungen.

Quelle: Raíces

 

Aktualisiert: 17.7.2010