El Salvador 1944: "Der schwarze Palast"

Horacio Castellanos Moya wurde 1957 in Honduras geboren. In El Salvador aufgewachsen, engagierte er sich schon früh als Journalist und Autor. 1991 musste er aus El Salvador fliehen, weil seine Adaption eines Thomas-Bernhard-Stücks über die Verlogenheit der salvadorianischen Oberschicht ebendiese entrüstet hatte. Seither lebt er im Exil. Das passt auch gut zu seinem Roman "Der schwarze Palast".

 

Einer der Protagonisten, der aufmüpfige Journalist Pericles, verbringt nämlich Teile seines Lebens entweder im Gefängnis oder in der aufgezwungenen Emigration. Ganz so, wie es der Autor selbst seit dem Erscheinen des oben angesprochenen Werks "El asco - Thomas Bernhard en San Salvador" tut. Castellanos Moya hält sich vorwiegend in Mexiko, den USA, Kanada oder in Deutschland auf.

Im Original heißt der Roman "Tirana Memoria", in der deutschen Version "Der schwarze Palast". Dort residiert ein "Nazihexer" genannter General, der das mittelamerikanische Land diktatorisch regiert. Da die Geschichte 1944 angesiedelt ist, handelt es sich wohl um General Maximiliano Hernández Martínez, der El Salvador seit Beginn der 1930er Jahre fest im Griff hatte. Er wurde eben 1944 aus dem Amt gejagt. Irgendwie ist die ganze Familie von Pericles mehr oder weniger in den Putschversuch verstrickt oder sympathisiert zumindest damit. Auch Ehefrau Haydée schließt sich den Massendemonstrationen an, obwohl sie ursprünglich aus einer gutbürgerlichen Familie der Oberschicht kommt, die dem verteufelten General an sich gar nicht einmal so fernstand.

Das ist aus ihren tagebuchartigen Einträgen zu entnehmen, die freilich da und dort geringe Schwächen aufweisen. Ausdrücke wie jener, dass man sich nach Stresserlebnissen wie ein "Zombie" fühlt, waren anno 1944 eher noch nicht üblich. Auch Sohn Clemen ist als Radiojournalist feder- und vor allem mikrofonführend an dem Umsturzversuch beteiligt, nach der vorläufigen Niederschlagung muss er sich deshalb tagelang in einem Mangrovensumpf verstecken, ehe es dem General doch an den Kragen geht. Diese Details sind aber nur peripher von Interesse. Im Grunde handelt es sich um einen genuin lateinamerikanischen Roman. In den abschließenden Kapiteln spannt Horacio Castellanos Moya den Bogen nämlich weiter bis 1973, in dem Pericles nach dem Brustkrebstod von Haydée selbst die Diagnose eines Lungenkarzinoms erhält und Selbstmord begeht.

Lateinamerikanisch ist das Buch deshalb, weil es die politische und soziale Realität wie auch die Abhängigkeit des Subkontinents von den USA anhand einer Gesellschaft im Ausnahmezustand zu einem konkreten Anlass prototypisch beschreibt. Zwischen 1944 und 1973 (und auch danach) gab es in Mittel- und Südamerika weitere Aufstände und Putschversuche, die symptomatisch für die dortige politische Grundstimmung sind.

Die politischen Fronten sind offener und ideologischer besetzt als in Europa. Herausragende Protagonisten wie die Präsidenten Venezuelas, Boliviens oder Brasiliens, Hugo Chavez, Evo Morales und Ignacio Lula da Silva, beweisen dies. Sie sind aber nur Beispiele unter vielen. Man braucht sich nur an die Entwicklung Chiles oder die Entmachtung von Präsident Manuel Zelaya in Honduras erinnern. So gesehen ist Castellanos Moyas ein zeitloser Autor...

 

Quelle: relevant - Best of media

 

INFO: Horacio Castellanos Moya: "Der schwarze Palast", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 332 Seiten, 20,60 Euro, ISBN-10: 3-10-010223-1.

Aktualisiert: 15.7.2010