"Denkt auch an die Kinder von El Mozote!"


Deutscher Jesuit P. Maier erinnerte bei Vortrag in Wien an die Ermordung von sechs Jesuiten vor 20 Jahren in San Salvador sowie die Zehntausenden zivilen Bürgerkriegsopfer - Vage Hoffnungszeichen für politischen Neuanfang

 

An die Zehntausenden zivilen Toten des Bürgerkriegs in El Salvador hat der Münchner Jesuit P. Martin Maier erinnert. Maier hielt eine Vortrag an der Universität Wien anlässlich des 20. Jahrestags der Ermordung von sechs Jesuiten an der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador. Am 16. November 1989 waren P. Ignacio Ellacuria, P. Segundo Montes, P. Ignacio Martin Baro, P. Amando Lopez, P. Juan Ramon Moreno und P. Joaquin Lopez y Lope sowie die Haushälterin Elba Ramos und deren Tochter Celina von Soldaten des sogenannten "Batallon Atlacatl" der salvadorianischen Armee erschossen worden. Die Jesuiten galten als führende Vertreter der "Theologie der Befreiung".

Wenn zum Jahrestag der ermordeten Jesuiten gedacht wird, dann müssten genauso auch die unzähligen weiteren Opfer des Bürgerkriegs in den Blick genommen werden, so P. Maier: "Denkt auch an die Kinder von El Mozote!" Am 11. Dezember 1981 drangen Regierungstruppen in die Ortschaft El Mozote im Nordosten El Salvadors ein. Fast die gesamte Bevölkerung - über 900 Menschen - wurden von den Soldaten ermordet, darunter auch über 130 Kinder. Die Verbrechen von El Mozoto seien ebenso wenig vollständig aufgeklärt und die Schuldigen bestraft worden wie im Fall der Jesuiten von San Salvador.

Im September 1991 kam es zu einem Gerichtsprozess, bei dem zum ersten Mal in der Geschichte des Landes acht Soldaten und Offiziere auf der Anklagebank saßen. Zwei von ihnen wurden verurteilt, aber bereits 1993 (aufgrund einer Amnestie) wieder freigelassen.

P. Maier war zum Zeitpunkt der Jesuitenmorde 1989 in San Salvador vor Ort und entging dem Verbrechen nur knapp: Er war in einem anderen Haus der Jesuiten untergebracht, weil das Gästehaus an der Universität voll belegt gewesen war.

Angesichts des Elends großer Teile der Bevölkerung von El Salvador setzte sich die von den Jesuiten 1965 gegründete Zentralamerikanische Universität als Bildungseinrichtung für soziale Reformen mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaftsordnung ein. Als Folge davon explodierten bereits 1976 die ersten Bomben auf dem Campus der Universität. Am 12. März 1977 wurde P. Rutilio Grande SJ ermordet, der sich als Pfarrer von Aguilares für die Rechte der Landbevölkerung und eine gerechtere Landverteilung eingesetzt hatte. Erzbischof Oscar Romero wurde am 24. März 1980 während der Feier der Heiligen Messe am Altar erschossen. Da die Jesuiten an der Zentralamerikanischen Universität nicht aufhörten, die Stimme derjenigen zu sein, die keine Stimme hatten, wurden sie immer mehr zur Zielscheibe der Rechtsextremisten.

In der Nacht vom 15. zum 16. November 1989 zerrte schließlich ein Kommandotrupp sechs Patres aus ihrer Wohnung am Universitätscampus und erschossen sie aus nächster Nähe. Die Haushälterin Elba Ramos und deren Tochter Celina mussten sterben, weil die Soldaten den Befehl erhalten hatten, keine Zeugen des Massakers übrig zu lassen. P. Maier: "Die aus den Schädeln gequollene Hirnmasse der Universitätsprofessoren wurde zum makabren Symbol: Hier sollte Geist getötet werden. Hier glaubten die Täter und ihre Hintermänner einmal mehr, mit Personen auch deren mißliebigen Ideen töten zu können". Doch genau das Gegenteil sei schließlich der Fall gewesen.

"Kampf für Glaube und Gerechtigkeit"

P. Maier verwies auf die Grabplatte der Jesuiten in der Universitätskapelle in San Salvador, wo der Auftrag des Jesuitenordens beschrieben wird, wie ihn die Generalkongregation von 1974/75 formulierte: "Was heißt heute Jesuit, Gefährte Jesu sein? Sich unter dem Kreuz im entscheidenden Kampf unserer Zeit einzusetzen: im Kampf für den Glauben, der den Kampf für die Gerechtigkeit mit einschließt."

Der Fall der Jesuitenmorde sei schließlich zu einem Politikum ersten Ranges geworden, so P. Maier weiter. Armee und Regierung hätten erst versucht, das Verbrechen zu leugnen und der Guerilla in die Schuhe zu schieben. Doch dieses Lügengebäude sei schnell in sich zusammengefallen. "Zum ersten Mal befand sich die Armee in der Defensive. Ein besonderer Skandal war, dass auch die US-Botschaft in die Vertuschungsmanöver verwickelt war und ein US-Militärberater sogar im Voraus von dem geplanten Verbrechen wusste, ohne etwas zu unternehmen."

Unter Vermittlung der Vereinten Nationen wurden im April 1990 Friedensverhandlungen begonnen. Der Peruaner Alvaro de Soto leitete diese Verhandlungen als Repräsentant des damaligen UN-Generalsekretärs Javier Perez de Cuellar. Rückblickend betonte er die Schlüsselbedeutung der Jesuitenmorde für die Verhandlungen: "Die Jesuiten mussten ihr Leben verlieren, um die moralische Empörung hervorzurufen, die die salvadorianischen Streitkräfte in der Defensive hielten und sie am Verhandlungstisch zu den Zugeständnissen zwangen, ohne die ein dauerhafter Friede wahrscheinlich nicht erreicht worden wäre".

Die Verhandlungen führten schließlich zu einem umfassenden Friedensvertrag, der im Januar 1992 unterzeichnet wurde, von dem aber in der Folge nur wenig umgesetzt wurde. Auch 17 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs sei man von einer Lösung der vielen Probleme El Salvadors noch weit entfernt, so P. Maier. Er prangerte in seinem Vortrag vor allem die unkontrollierte Gewalt an, die nach wie vor im Land herrsche. Bei seinem letzten Aufenthalt in El Salvador seien an einem Tag nicht weniger als 25 Menschen ermordet worden.

Vor allem die Jugendlichen hätten keine Zukunftsperspektiven und würden sich oft Jugendbanden, den sogenannten "maras", anschließen, auf deren Konto zwei Drittel aller Mordtaten gehen. Das sei die Konsequenz einer verfehlten oder gar nicht existierenden Sozial- und Bildungspolitik.

Höchste Auszeichnung für Ermordete

Die Salvadorianer würden jetzt ihre Hoffnung auf den neuen Präsidenten Mauricio Funes setzen, der seit März 2009 im Amt ist. Der Kandidat der linken FMLN habe versprochen, die Kriminalität durch Prävention und Programme für Jugendliche sowie durch die Schaffung von Arbeitsplätzen zu bekämpfen. Auch der Kampf gegen die Korruption stehe ganz oben auf seiner Agenda. Mit Funes könnte ein neues Kapitel in der Geschichte El Salvadors aufgeschlagen werden, doch kurzfristige Lösungen seien nicht zu erwarten, zeigte sich Maier nur sehr vorsichtig optimistisch.

Funes hat an der Jesuitenuniversität studiert und war mit P. Ignacio Ellacuria persönlich verbunden. Die ermordeten Jesuiten und Frauen erhielten nun 20 Jahre nach ihrem Tod posthum dem höchsten nationalen Orden El Salvadors. Das wäre früher undenkbar gewesen und sei vielleicht auch ein Zeichen für eine historische Wende in El Salvador, sagte P. Maier.

Quelle: kathweb

Aktualisiert: 30.12..2009