Zimmer ohne Ausgang? Jugendliche in El Salvador

Die Jugendlichen El Salvadors sind nicht nur die größte Hoffnung des kleinsten Landes Zentralamerikas, sondern auch sein größtes Problem. Drei Millionen Menschen, rund 60% der Gesamtbevölkerung, sind unter 25 Jahre alt.

 

Laut tuckernd quält sich der mitMenschen und Gepäck vollgestopfte Überlandbus den Anstieg hinauf. 800 Höhenmeter muss er über- winden, um von der Pazifikküste zur Hauptstadt San Salvador zu kommen. Obwohl innen frisch bemalt und mit "Gott-segne-dich!"- Sprüchen verziert, lassen seine schwarzen Abgaswolken keinen Zweifel aufkommen, dass seine Zukunft bereits gestern vorbei war.

Es ist Sonntagabend und Lupita hat neben ihren Büchern und frischer Wäsche für die kommende Woche auch Bohnen und Maistortillas eingepackt. Die 23-Jährige hat wieder ihre Familie im Dorf an der Pazifikküste verlassen, um eine weitere Woche an der Universität in der Hauptstadt zu studieren. Die zierliche junge Frau mit dem für sie typischen lauten Lachen kämpft selbstbewusst für eine bessere Zukunft. Ihre Herkunft teilt sie mit einem Großteil ihrer Altersgenossen.

 

Die Zukunft El Salvadors

Die Jugendlichen El Salvadors sind nicht nur die größte Hoffnung des kleinsten Landes Zentralamerikas, sondern auch sein größtes Problem. Drei Millionen Menschen, rund 60% der Gesamtbevölkerung, sind unter 25 Jahre alt. Sie brauchen und fordern nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch weiterführende Bildung und Arbeitsplätze. "Wer kein Geld hat, der bekommt keine gute Schulbildung", sagt Lupita. "Und wer nur bis zur 9. Klasse in die Schule gehen kann, weil die Eltern die Schuluniform, die Hefte und den Schulbus nicht bezahlen können, der hat Pech.

Es gibt aber auch viele Jugendliche, die Abitur haben und trotzdem auf dem Bau, in einer Maquila oder an der Kasse eines Supermarktes arbeiten." Die junge Frau hält inne, schaut aus dem Fenster hinaus. "In El Salvador sind wir Jugendliche wie in einem Zimmer Zimmer ohne Ausgang? Wenn die Eltern nicht viel verdienen oder nur von der Landwirtschaft leben, oder wer niemanden hat, der aus dem Norden Geld schickt, der hat es sehr schwer."

Von den insgesamt rund acht Millionen Salvadorianern arbeiten zwei Millionen in den USA, die meisten ohne Aufenthaltspapiere. Wenn sie auch manchmal wie Sklaven behandelt werden und viele ständig Angst vor der Abschiebung haben, verdienen sie doch ein Vielfaches dessen, was sie zu Haus je erwirtschaften könnten. Nicht nur viele Schulkinder sind von den Remesas, den Geldrücksendungen von Verwandten, abhängig, sondern die nationale Wirtschaft. Die Summe dieser Remesas gleicht das Handelsbilanzdefizit des Staates aus.

 

Kein Ende der Gewalt

Carlos Roberto ist das jüngste Kind von elf. Der Vater arbeitet als Fabrikarbeiter in der Hauptstadt. Mit dem staatlich festgesetzten Mindestlohn von knapp 150 Euro kann er seinem Jüngsten nur deshalb den Transport zur Schule zahlen, weil die ältesten Geschwister schon aus dem Haus sind oder selber ein kleines Einkommen haben.

Trotzdem ist Carlos zufrieden. Seine dunklen Augen leuchten, wenn er von seiner Familie erzählt. Carlos hat Glück, denn seine Familie ist intakt. Viele Jugendliche wachsen in zerrütteten Familien auf, weil der Vater vor der Verantwortung gegenüber seiner Familie davongelaufen ist oder im Alkohol das Heil gesucht und der Mutter Schläge gebracht hat.

Viele Kinder und Jugendliche haben früh erfahren müssen, was Gewalt bedeutet, auch wenn ihr Land vor 18 Jahren den Bürgerkrieg hinter sich gebracht hat. Wendys Bruder etwa ist von Mitgliedern der Salvatrucha, einer der marodierenden Jugendbanden, ermordet worden. Er hatte sich geweigert, sich dieser Bande anzuschließen. Nun liegt er aufgebahrt im einzigen Raum der kleinen Hütte der siebenköpfigen Familie. Nachbarn, Freunde, Verwandte haben Blumen gebracht, Kerzen angezündet, teilen mit der Familie den Schmerz.

Die Familie und die Nachbarschaft bilden das soziale Netz, das für die meisten der Jugendlichen El Salvadors überlebenswichtig ist. Auf Grund seiner hohen Auslandsverschuldung spart der Staat bei Sozialleistungen wie qualitativ guter Schulbildung, Kranken- und Pensionsversicherung oder medizinischer Versorgung. Auch das Justizwesen ist durch zu wenig Personal und korrupte Beamte ineffizient. Das soziale Netz fängt viel von dem auf, was in unseren wirtschaftlich gutgestellten Staaten das Sozialsystem bietet. Die Großfamilie ist Krankenversicherung und Alterspension, bietet Wohngelegenheit in verschiedenen Orten und immer wieder Zugang zu unbezahlbaren Ärzten und Anwältinnen.

"Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, besonders meine Mama." Lupita weiß, dass sie das große Los gezogen hat. Nicht nur mit ihrer Familie, die durch die starke, unermüdlich kämpfende und im Glauben verwurzelte Mutter ein verlässliches Rückgrat hat. Sondern auch mit einem Stipendium, das sie dank guter Noten und starkem sozialen Engagement erhalten hat und das Studium an der Universität ermöglicht. Sie studiert seit zwei Jahren Kommunikationswissenschaft.

Als Journalistin einer der großen Zeitungen möchte sie später nicht arbeiten, denn "dort hat die Wahrheit oft keinen Platz." Viel lieber möchte sie in einer NGO oder als Radiosprecherin arbeiten. "Ich komme selber aus einer sehr armen Familie vom Land und kenne den Alltag der Leute. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie die armen Menschen in El Salvador leben. Das ist wichtig, um als Radiosprecherin mit Empathie arbeiten zu können."

Lupita hofft, dass die historisch erstmalige Amtseinführung eines linken Präsidenten am 1. Juni 2009 einen Umschwung des Landes herbeiführt. Aber sie weiß auch, dass "der Präsident allein auch nicht alles ändern kann." Durch die Wirtschaftskrise und die einseitige Wirtschaftspolitik der vorherigen Regierungen hat Präsident Funes das Land in der denkbar schlechtesten Lage übernommen.

Eine tief greifende Verbesserung vor allem für die Armen des Landes, so Funes im Wahlkampf, würde mindestens 20 Jahre dauern. Aber bis dahin wartet Lupita nicht. Sie trägt wie viele andere Jugendliche in ihrem Land mit Energie und sozialem Engagement bereits heute dazu bei, dass sich ein wenig Hoffnung in diesem so gebeutelten Land erfüllt.

 

Quelle: Blickpunkt Lateinamerika Ausgabe 2/10; in Internet unter http://womblog.de/2010/07/12/zimmer-ohne-ausgang-jugendliche-in-el-salvador/

 

Aktualisiert: 15.7.2010