„Die Gewalt ist unser ständiger Begleiter“

 

Der IPS-Korrespondent Raúl Gutiérrez im Interview mit PUPPET, Anführer der Gang Pandilla 18

 

Er sagt, dass er die Bibel drei Mal gelesen hätte und dass die Bandenmitglieder nicht nur „Täter, sondern auch Opfer des Systems der Gewalt in El Salvador“ seien. Er ist einer der Anführer der Pandilla 18.
Es dauerte Monate, mit „Puppet“ (Marionette) ein Interview zu bekommen, etliche Versuche schlugen fehl. Die Sicherheitsmaßnahmen erinnern an jene, die für den Kontakt mit Guerillagruppen während des Bürgerkrieges galten. Um zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen, war es notwendig sich durch die Straßen eines kleinen Dorfes im Westen des Landes zu schlängeln. Und es galt das Misstrauen des Gesprächspartners gegenüber Journalisten abzubauen. Denn diese „wollen immer nur das böse Gesicht der Gangs zeigen“, meint der 28-Jährige. Um dieses falsche Bild zu korrigieren, möchte er selbst eines Tages Journalist werden.

Puppet war lange Zeit im Drogenhandel und mit Raub beschäftigt. „So konnte ich viel Geld verdienen und mir Autos leisten“, doch das ist jetzt Vergangenheit, wie er versichert. Puppet gibt zu, dass die Gangs auch für Erpressung verantwortlich sind,  und dass viele Bandenmitglieder vom organisierten Verbrechen als Killer engagiert werden.

Sein Gesicht lässt keine Zweifel aufkommen. Arme und Brust sind tätowiert, dauerhafte Kennzeichen eines Mitglieds. „Du hörst nie auf, ein Pandillero (Bandenmitglied) zu sein, auch wenn du nicht aktiv ist. Er hat eine vierjährige Tochter, Puka. Und er ist niemals ohne sein Handy unterwegs.

 

Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Gespräch, das IPS mit Puppet führte.

IPS: Wie alt warst du, als du dich der Bande angeschlossen hast?

PUPPET: Ich war 13.

IPS: Was war dein Motiv?

PUPPET: Nach dem Ende des Krieges kam das in Mode. Reine Neugier. Ich konnte immer auf die Unterstützung meiner Familie zählen – trotz meiner Dummheiten. Ich habe immer bei meinen Eltern gelebt und ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt. Meine Familie war nicht der Grund,  warum ich mich einer Gang angeschlossen habe.

IPS: Gab es ein Initiationsritual (18 Sekunden Schläge durch ältere Gangmitglieder)?

P: Klar, das ist Regel.

IPS: Was machst du jetzt?

P: Wir verteidigen unser Stadtviertel (barrio) gegen andere Banden, damit diese nicht kommen und die Halbwüchsigen ausrauben und missbrauchen. Auf diese Weise gewinnen wir den Respekt der Bewohner unserer Gemeinde, die wissen, dass wir sie beschützen, einen Schutz, den ihnen die Polizei nicht bietet.

IPS: Wie verteidigt ihr auch?

P: Aus Prinzip haben wir keine Feuerwaffen, wir verlassen uns auf Taschenmesser, Macheten, Schläger und Steine.

IPS: Und von euch gibt es keine Übergriffe auf andere Barrios?

P: Dort, wo ich aufgewachsen bin, herrscht Einverständnis darüber, dass die Familien und jene, die keine Bandenmitglieder sind, nicht deine Feinde sind. Deine Feinde sind die anderen Banden. Daher nimmt die Zahl unserer Mitglieder zu. Außerdem gibt es in den Barrios unter unserer Kontrolle weder Schutzgeld noch Raub, weil wir diese Gemeinden beschützen.

IPS: Nehmt ihr Drogen?

P: Der Konsum von Drogen – Marihuana und Alkohol – ist unseren Kreisen normal. Seit 1995 ist der Verkauf von Kokain und Crack ein Teil unseres Geschäfts. Der Konsum ist bei uns verboten, weil es die Gesundheit schädigt. Wir verkaufen Drogen, um zu überleben. Die Polizei selbst verkauft uns Drogen, die sie an anderen Orten beschlagnahmt hat. Das Kokain wird von Rechtsanwälten, Richtern, Ärzten und reichen Leuten gekauft.
Ich war ein Jahr auf Kokain, aber dann wurde mir klar, welchen Schaden ich mir selbst und meiner Familie zufüge. Ich wurde wieder clean. Gott hat mir geholfen, von den Drogen loszukommen.

IPS: Wenn ihr wisst, dass Kokain so schädlich ist, warum verkauft ihr es dann?

P: Wir überleben von Verkauf. Praktisch gibt er Bandenmitgliedern einen Job. Wir müssen essen, Kleider kaufen, unsere Kinder gehen in die Schule, sie brauchen etwas zu essen.

IPS: Wie wurdest du Bandenchef?

P: In unserer Gang gibt es viele, die mir das zutrauen. Außerdem kennt man mich überall im Land, und man weiß, dass ich die Fähigkeit habe zu helfen und vieles zu machen. Und wahrscheinlich habe ich dieses Image. Jedes Gebiet hat seinen Chef. Früher gab es Chefs für das ganze Land, aber das war ein Fehler. Mich kennen und respektieren sie als Chef, vielleicht weil sie mich noch aus meiner Kindheit und Jugend kennen und wegen meines Verhaltens gegenüber den „Homeboys“ (Bandenmitglieder). Ich hatte nie Lust, den  Menschen meines Barrios Schaden zuzufügen. Wenn man jemanden respektiert, wird man auch respektiert, selbst wenn jemand aus der eigenen Gang es sich mit den Bewohnern des Barrios anlegt.

IPS: Was passiert dann?

P: Zunächst spreche ich mit den Betroffenen, um ihnen klar zu machen, dass sie einen Fahler gemacht haben. Wenn ein Pandillero das aber nicht einsieht, dann muss man ihn bestrafen, denn in einer Gang gibt es Regeln.

IPS: Bedeutet das in extremen Fällen auch eine Hinrichtung?

P: Auch, das ist eine Regel in jeder Organisation der Welt.

Quelle: ips
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Aktualisiert: 1.6.2009