Lebensgeschichten mit Gewalterfahrung: Mittel- amerikanerinnen in Mexiko

von Guadalupe Cruz Jaimes

 

Die nach Mexiko geflohenen Mittelamerikanerinnen teilen Erfahrungen soziopolitischer Gewalt in ihren jeweiligen Heimatländern. In Mexiko wiederum erfahren sie Gewalt von den Einwanderungsbehörden, von ihren Männern und der mexikanischen Gesellschaft insgesamt.

Dies ist einer der Gründe, warum diese Frauen sich auch nach ihrer Einbürgerung als Ausländerinnen fühlen.

Seit der Gründung einer Selbsthilfegruppe für weibliche Flüchtlinge und Migrantinnen vor zwei Jahren arbeitet Mónica Godoy von der Flüchtlingsorganisation Sin Fronteras mit Frauen aus El Salvador, Guatemala, Nicaragua, Kolumbien, Chile, Peru, Haiti und dem Kongo zusammen. Die Frauen sind überwiegend älter als 60 Jahre und flohen vor den Kriegen in ihren Heimatländern nach Mexiko.

So wie die Salvadorianerin Teresa Carranza, die seit 25 Jahren in Mexiko lebt und die mexikanische Staatsbürgerschaft besitzt. „Ich verließ El Salvador in den 1980er Jahren, als Bürgerkrieg herrschte. Mein ältester Sohn, der damals 16 Jahre alt war, wurde beschuldigt, der Guerilla anzugehören und deshalb inhaftiert. Ab diesem Moment schloss ich mich den Organisationen an, welche die politischen Gefangenen verteidigen. Deshalb musste ich El Salvador verlassen. Sie begannen mich zu verfolgen und ich hatte keine andere Wahl, um meine Kinder zu schützen, die noch klein waren.“

Die Salvadorianerin wurde bei ihrer Flucht von der Organisation unterstützt, der sie in El Salvador angehört hatte. „Ich musste in einem LKW hierherkommen und mich als Händlerin ausgeben. Bei mir waren meine 13-jährige Tochter und meine anderen beiden Kinder. Eins war damals 3 Jahre und eins 11 Monate alt“, erzählt sie. Von ihrem Mann hatte sie sich noch in El Salvador getrennt. „Er kämpfte für seine Familie und ich für das Volk“, erinnert sich Teresa. Anfangs habe sie sich in Mexiko-Stadt, wo sie zunächst anderthalb Monate in einem Hotel gewohnt hatte, gar nicht aus dem Haus getraut: „Ich kannte niemanden und besaß nur die Adresse einer mit den Regierungsgegnern in El Salvador sympathisierenden Organisation.“

Mónica Godoy zufolge kommen die Frauen in einem Zustand großer seelischer Schmerzen nach Mexiko. Das verhindere, dass sie ihre Fähigkeiten entfalten und persönlich wachsen könnten. Die Zahl der Flüchtlinge wird nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen auf 16 Millionen Menschen weltweit geschätzt, 49 Prozent davon sind Frauen. Eine von Sin Fronteras für den Zeitraum Januar bis September 2009 erstellte Statistik weist mit 45,5 Prozent einen ähnlich hohen Frauenanteil bei den in Mexiko von der Organisation betreuten Flüchtlingen aus.

Mónica Godoy erklärt, dass fast alle Migrantinnen und weiblichen Flüchtlinge, die von Sin Fronteras betreut worden sind, Gewalterfahrungen gemacht hätten. „Sie sind Opfer von Gewalt durch ihre Partner oder durch die Väter ihrer Töchter und Söhne geworden. Andere haben Kriegsgewalt erlitten, ihre Kinder wurden ermordet, inhaftiert. Oder ihre Freunde sind gewaltsam verschleppt worden und blieben verschwunden“, so Godoy.

Doch ob sie nun soziopolitische Gewalt erleben mussten oder nicht, die Mehrheit habe einen harten Kampf bestehen müssen, bei dem es zuerst ums nackte Überleben ging und anschließend darum, die kleinen Kinder durchzubringen, führt Godoy weiter aus.

Viele kämen mit nichts nach Mexiko, könnten ihre Kinder nicht ernähren und lebten auf der Straße, erläutert die feministische Therapeutin Erika Donoso Venegas. Sie steht den Frauen der Selbsthilfegruppe psychologisch zur Seite.

Vilma kam vor 27 Jahren auf diese Weise als Kleinkind nach Mexiko. Ihre Mutter war mit ihren vier Kindern vor dem bewaffneten Konflikt in Guatemala geflohen. „Wir haben es nur bis nach Chiapas geschafft, mein Vater war gestorben“, erzählt sie. Ihr Mutter, eine Maya-Indígena, konnte kaum Spanisch und hatte große Schwierigkeiten, sich zu verständigen, erzählt Vilma. Ihre Mutter habe schauen müssen, wo sie etwas zu essen für die Kinder herbekomme und genau wie die anderen, habe ihre Mutter eine Holzhütte gebaut. „Geschlafen haben wir auf dem Boden“, erinnert sie sich.

Vilma, die seit vier Jahren die mexikanische Staatsbürgerschaft besitzt, berichtet, dass es viel Diskriminierung gebe, sowohl von den Behörden als auch von der Bevölkerung. „Die Behandlung durch die Migrationsbehörden verletzt oft die Würde der Menschen“, erklärt sie.

Auch Mónica Godoy unterstreicht, dass Mexiko seine MigrantInnenen nicht als Menschen mit Würde ansehe. Dies sei noch weniger der Fall, wenn es sich um Frauen handele. Es gebe abschätzige Bezeichnungen für die Migrantinnen, oft erhielten sie für ihre Arbeit keinen Lohn. Ihre Arbeitsrechte könnten illegalisierte Migrantinnen jedoch nicht einfordern, da ihnen die Verhaftung drohe, wenn sie bei einer Behörde vorsprächen und keine Dokumente vorweisen könnten.

Quelle: poonal, 26.6.2010

Aktualisiert: 15.7.2010