Flucht vor Gangs – kein Asylgrund in den USA


von Steve Hebert, New York Times

 

Carlos Zaldívar lebt in Carthage, Montana, sein Sohn wurde von Gangmitgliedern ermordet, nachdem er nach El Salvador abgeschoben wurde. Vor kurzem wurde ein Mann durch einen Schuss in den Mund getötet, weil er sich negativ über die Banden geäußert hatte. Ein anderer muss sich am Land verstecken in der vagen Hoffnung, seine frühere Gang würde ihn nicht suchen und finden.


Beide Männer waren in die USA geflohen und hatte dort um Asyl angesucht, weil sie sich von den Jugendbanden („maras“) bedroht fühlten. In den letzten Jahren sind die Einwanderungsbehörden in den USA mit einer wachsenden Zahl von solchen Begründungen konfrontiert. Asyl wird allerdings in  den seltensten Fällen gewährt. Die jüngsten Fälle haben jedoch den Ayslanträgen wegen Bedrohung durch Bandengewalt neue Glaubwürdigkeit verliehen. Die Asylgerichte und die Regierung Obama stehen unter Druck, das Asylrecht zu präzisieren und Bandendrohungen als Asylgrund anzuerkennen. Bisher wurde das von Asylgerichten zurückgewiesen, weil die Drohungen zu vage seien und das Leben der Antragssteller nicht wirklich bedroht sei.
Im Fall von Zaldivar argumentierte die Behörde, dass es ihm nicht gelungen sei zu beweisen, dass die die Mara 18 speziell hinter ihm her sei und seine Familie bedroht hätte. Weil bis zu diesem Zeitpunkt kein Mitglied seiner Familie zu Schaden gekommen war, wurde seinem Antrag nicht stattgegeben. Zaldivar wurde im Dezember 2009 abgeschoben und zwei Monate später ermordet, ein trauriger Beweis dafür, dass seine Befürchtungen nicht übertrieben
Zaldivar sagte gegenüber der Einwanderungsbehörde aus, dass er als Kind von seinen Eltern bei seinen Großeltern in La Libertad zurückgelassen wurden, als sie 1994 auf der Suche nach Arbeit in die USA auswanderten. Laut Zaldivar hatte die Mara 18 begonnen ihn zu rekrutieren, als er kaum ein Teenager war. Die Gang ging ihm gegenüber brutaler vor, offenbar weil sie wusste, dass keine große Familie hinter ihm stand.
Als seine Großmutter 2003 starb, beschloss der damals 15-Jährige vor der Gang zu fliehen und die USA zu seinen Eltern zu emigrieren. Da seine Eltern in den USA nur vorübergehende Aufenthaltstitel hatten (temporary immigration status) konnten sie ihren Sohn nicht auf legalem Weg in die USA holen. Beim Versuch, die Grenze illegal zu überschreiten wurde Zaldivar aufgegriffen und suchte um Asyl an.
Während des Verfahrens durfte er bei seinen Eltern leben und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben sicher. Acht Wochen nach seiner Abschiebung wurde er von einem weißen Auto aus in La Libertad auf seinem Fahrrad erschossen. Zeugen sprachen von einem Racheakt der Mara 18. Sein Vater blieb auf dringene Bitte seiner Tochter in El Salvador dem Begräbnis fern. Die Gangs hätten vielleicht auch ihn ermordet.
Die Asylgründe in den USA sind streng. Asylsuchende müssen beweisen, dass sie eine wohlbegründete Angst vor Verfolgung aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, Religion, Nationalität, ihrer politischen Meinung oder Mitgliedschaft bei einer Gruppe.  2009 bekamen 9.614 Asyl, die größte Gruppe aus Zentralamerika waren mit 265 Guatemalteken. Aufgrund einer Polarisierung in der Einwanderungsfrage besteht nur geringes Interesse, großzügiger Asyl zu gewähren.
Während die Bürgerkriege in Zentralamerika in den 90er-Jahren zu Ende gingen, stieg die Zahl der Menschen, die vor den organisierten Banden (“maras”)  in die USA flüchteten. Die Maras haben inzwischen ein Netzwerk über die Region gespannt und sind in manchen Städten mächtiger als die Polizei.
„Zentralamerika ist die Region der Welt mit der meisten Gewalt, abgesehen von Ländern mit Krieg oder schweren politischen Auseinandersetzungen“, heißt es in einem Bericht von UNDP vom Oktober 2009. Hauptverantwortlich für die Gewalt in Zentralamerika seien die kriminellen Banden.
Gleichzeitig machen es die US-Einwanderungsbehörden für Menschen aus Zentralamerika schwieriger, vor den Gangs davonzulaufen. Bandengewalt und Drohungen werden  in der Regel nicht als Asylgrund anerkannt. Asylwerber müssen nachweisen, dass sei einer bestimmten gruppe angehören, die in ihrer Heimat als  bedroht eingestuft wird, was von Rechtsexperten und Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert wird. Und selbst Berufungsrichter haben sich dieser Kritik angeschlossen.
Ein anderer Asylwerber, namens Benitez, wartet inzwischen nach seiner Abschiebung in El Salvador. Er wurde mit 14 von der Mara Salvatrucha rekrutiert und stieg nach neun Jahren aus, nach er sich einer evangelikalen Kirche angeschlossen hatte. Er flüchtete in die USA. Erst nach seiner Abschiebung hob ein Berufungsgericht die negative Entscheidung auf. Seither verhandelt sein Anwalt die Modalitäten einer Rückkehr in die USA.
Mit einer Tätowierung auf der Stirn ist er ein gezeichneter Mann, er lebt bei Verwandten und wechselt häufig seinen Aufenthalt. In einem Interview sagte er: „Die Gangs sind überall hier. Ween du aussteigst aus der Gang, wird dich selbst dein bester Freund ermorden.

Quelle: New York Times,
http://www.nytimes.com/2010/06/29/us/29asylum.html

 

Aktualisiert: 15.7.2010