Armut – ein Monster, das weiter wächst

Von Raúl Gutiérrez, IPS

Das Dorf Talchiga,  in El Salvador wird von etwa 20 Familien bewohnt. Seit Jahrzehnten leidet das Dorf an den Folgen des Bürgerkriegs, der Vernachlässigung und Armut. Die 100 BewohnerInnen, von denen 60 Kinder und Jugendliche sind, leben in Holzhäusern mit Lehmboden, es gibt kein sauberes Trinkwasser, keinen Strom und keine Aussicht auf eine Besserung der Lage. Die Menschen sind von Unterernährung gezeichnet und werden von Kojoten belästigt, die in der Gegend umherstreifen.
Und jetzt sind sie mit zwei Kriegen konfrontiert: dem Hunger und der Drohung der Großgrundbesitzer, die ihnen das Land wegnehmen wollen, auf dem ihre Großeltern “geboren und gestorben“ sind.

 

Nach dem Krieg kam die Armut
Das Dorf liegt auf etwa 900 m Seehöhe in der nordöstlichen Provinz Morazán and der Grenze zu Honduras und ungefähr 200 km von der Hauptstadt San Salvador entfernt. Es ist von Bächen und Bergen umgeben, die für ein frischen Klima und saubere Luft sorgen. Während des Bürgerkriegs (1980-1992) waren die Bewohner von Morazán Opfer der Bombardements und Massaker der Armee, die in ihnen die soziale Basis der Guerillabewegung FMLN sah.  
Fast alle BewohnerInnen klagen, dass sie nicht genug Land hätten und das s ihr Land wenig fruchtbar sei und ihnen die Mittel zum Ankauf von Kunstdünger fehlten, Die Maisernte fiele daher gering aus. Die Menschen von Talchiga gehören jetzt zu wachsenden Gruppe von jenen, die vom globalen Mangel an Nahrungsmitteln in den letzten andethalb Jahren am meisten betroffen sind.
Lucila López, 27 und Mutter von fünf Kindern von sieben Monaten bis 12 Jahre, das der Preisanstieg dazu führt, dass sie jetzt häufig nicht mehr als Tortilla (Maisfladen) mit Salz zu essen hätten, und dass Bohnen zu einem Luxusessen geworden wären, weil jetzt ein halbes Kilo mehr als einen Dollar kostet. Manchmal „essen wir nut zwei Mal am Tag“. Der Zustand der Zähne zeugt vom Mangel an Kalzium.

 

Grundnahrungsmittel müssen importiert werden
Angaben des Landwirtschaftsministeriums zeigen, dass El Salvador zu wenig Mais produziert und daher Mais importieren muss (etwas 20% des jährlichen Bedarfs). Bei Bohnen muss etwa ein Achtel des Bedarfs importiert werden.
Eine im Herbst veröffentlichte Studie des Welternährungsprogramms kommt jetzt zum Schluss, dass in El Salvador die absolute Armut um 6,5% gegenüber dem Vorjahr zugenommen hätte. Das heißt, dass über 100.000 Menschen mehr in absolute Armut abgerutscht sind und etwa 230.000 Menschen sich in extremer Armut befinden.
Untersucht wurden ländliche Gemeinden in 10 Provinzen des Landes. Weiters zeigte die Studien, dass Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua von Sommer 2007 bis zum Sommer 2008 über eine Million neuer Armer “produziert” hätten. In ganz Lateinamerika und der Karibik sind 26 Millionen Menschen von Armut betroffen.

 

Inflation führt zu mehr Armut
Dafür wesentlich verantwortlich ist laut einer Studie der Internationalen Entwicklungsbank die Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln. Sie betrug in Guatemala im Jahresvergleich 51,4%, in El Salvador 35,1% in Honduras um die 70% und in Nicaragua gut 40%. Zentralamerika ist  als Region besonders betroffen, weil sie sowohl von Nahrungsmittel- wie auch von Energieimporten abhängig ist. Die Preissteigerung bei Artikeln des täglichen Bedarfs wurde nirgendwo durch entsprechende Lohnerhöhungen ausgeglichen, so dass immer mehr Menschen das Heer der Armen vergrößern. Verschlimmert wird die Situation durch Spekulation und Hamsterkäufe. Die Folge sind mehr unterernährte Frauen und Kinder. Die Menschen essen weniger und kaufen billigere aber weniger nahrhafte Lebensmittel.

 

Staatliche Hilfe für Arme reicht nicht aus
Seit 2004 hat das Welternährungsprogramm in El Salvador 16 Mio. Dollar ausgegeben, von denen allerdings nur 70% in Form von Nahrungsmitteln verteilt werden. Experten sprechen daher vor einer alarmierenden Situation, vor allem weil die Anstrengungen der Regierung zur Bekämpfung der Armut abgenommen hätten. SO klagen auch die BewohnerInnen von Talchiga, dass die die Hilfe aus dem Programm „Red Solidaria“ nicht ausreichend sei, um ihre Kinder ordentlich ernähren zu können. María Catalina Hernández, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, bekommt 20 Dollar alle zwei Monate an Unterstützung. Sie lebt mit ihren Kindern auf 20 Quadratmetern. Wenn sie nichts zu essen hat, borgt sie bei Nachbarn Nahrungsmittel aus. In der Nacht davor, hat ein Kojote ihre letzten Hühner gerissen.
„Es hört sich schön an im Fernsehen“, wenn Regierungsfunktionäre verkünden. Sie hätten die Armut verringert. „Wenn sie hierher kämen und sich ansähen, was wir essen, würden sie wohl berichten, dass sich die Situation verschlechtert  hat.”


Mindestlohnerhöhung weiter unter Inflationsrate
Anfang Dezember einigte sich der Mindestlohnrat El Salvadors auf eine Erhöhung der Mindestlöhne um 8% ab 1. Jänner 2009. Beschäftigte der Textilindustrie erhalten nur 4%. Raúl Moreno von FESPAD (Stiftung zum Studium der Situation der Menschenrechte) bezeichnete dies als eine Beleidigung. Handelsangestellte bekommen ab 1. Jänner 207 Dollar statt 192 Dollar bisher. Arbeiter in der Industrie verdienen 203 $ (bisher 188$). TextilarbeiterInnen bekommen 173$ statt wie bisher 167$. Diese Löhne liegen weit unter den geschätzten Lebenshaltungskosten von 360$, die Grundnahrungsmittel und einen Teil der Kosten für Dienstleistungen abdecken. Die Lohnerhöhungen sind bei weitem nicht in Einklang mit den stark gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Armut wird also auch 2009 weiter steigen.

Quelle: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=44148

Zum Weiterlesen:
http://www.wfp.org/SPANISH/  

Aktualisiert: 1.6.2009