Hungerlöhne und Arbeitslosigkeit

Raúl Gutiérrez, IPS
Nach dem im Juli veröffentlichten Bericht über menschliche Entwicklung 2007/08 bekommen gut 80% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung El Salvadors keinen anständigen Lohn, zwei von drei Jugendlichen vergrößern das Heer der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten.

Es besteht kein Zweifel am Fleiß und der Ausdauer der Salvadorianer, aber für die meisten ist es sehr schwierig, eine „anständige“ Arbeit zu finden und so ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, betonte die Vertreterin des UNDP (Entwicklungsprogramm der UNO), Jessica Faieta, als sie den Bericht der Vizepräsidentin El Salvadors und Vertretern der Nationalversammlung, des Justizwesens und der Zivilgesellschaft vorlegte. Dabei wies sie deutlich darauf hin, dass „Beschäftigung mehr als eine Quelle von Einkommen“ sei, nämlich fundamentaler Bestandteil der menschlichen Würde.

Nidia González ist 33 Jahre alt und bekommt einen Mindestlohn (183 Dollar/125 Euro) als Werbedame in einen Supermarkt. Der Lohn deckt ihre Grundbedürfnisse nicht ab, es ist sehr schwierig eine besser bezahlte Arbeit zu finden. „Die großen Firmen könnten bessere Löhne zahlen, aber sie tun es nicht, weil sie Profit machen wollen“, meint ein Jugendlicher.

Für Handel und Dienstleistungen beträgt der Mindestlohn für 2008 183 Dollar im Monat, in der Industrie liegt er mit 180 Dollar etwas niedriger, in ländlichen Gebieten werden gar nur 85,5 Dollar (58 Euro) bezahlt.

Lesbia Orantes, 44, ist Angestellte der Stadtverwaltung von San Salvador. Obwohl sie ihr Gehalt als „nicht so schlecht“ einschätzt, decken ihre 420 Dollar (286 Euro) nur etwa 80% ihre monatlichen Ausgaben, weil von ihrem Lohn noch die Sozial- und Pensionsversicherung und die Lohnsteuer abgezogen werden. Wenn sie dann das Schulgeld für ihren Sohn bezahlt hat, bleibt kaum etwas zum Leben.
  
Nach offiziellen Statistiken liegt die Arbeitslosigkeit bei 6,6%; 43% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung (1,2 Mio.) sind jedoch unterbeschäftigt und fristen ihr Dasein als ambulante Kleinhändler oder von Gelegenheits- oder Teilzeitjobs. Daher betont auch der Verantwortliche für den UNDP-Bericht,
William Pleitez, dass das Hauptproblem nicht die Arbeitslosigkeit sei, sondern die höchste Rate von Unterbeschäftigung in der Geschichte. Dies wird von den Verantwortlichen mit dem Hinweis auf den Fleiß der Bevölkerung einfach toleriert, obwohl diese Beschäftigungsverhältnisse weder den Mindestlohn noch Zugang zu den sozialen Netzen bringen. Nur 19% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung haben eine „anständige“ Arbeit, während die übrigen nicht über ein Einkommen verfügen, das die steigenden Kosten des Warenkorbes abdeckt.

Wirtschaftsanalysten weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Unternehmer niedrige Löhne bezahlen, häufig sogar unter dem Mindestlohn, während andere die von den Löhnen eingehaltenen Beiträge zur Sozialversicherung nicht an den Staat weiterleiten.

Die salvadorianische Wirtschaft hat nach dem Bürgerkrieg (1980-1992) mehrere wirtschaftliche Zyklen durchgemacht. Während der ersten Hälfte der 90er Jahre wuchs das Bruttoinlandprodukt jährlich um 5,4%. Dann verlangsamte sich das Wachstum auf durchschnittlich 3% zwischen 1996 und 2005. 2007 wuchs es um 3,8%.

Ein weiterer dramatischer Aspekt der Studie betrifft die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen (15-29 Jahre), die bei 12,4% liegt. 50% dieser Altersgruppe  sind unterbeschäftigt. Das heißt, dass zwei von drei jungen Menschen ohne oder ohne ausreichende Beschäftigung sind. Obwohl viele dieser Gruppe acht Jahre Schulbildung haben, haben sie die gleichen Schwierigkeiten, eine anständige Arbeit zu finden, wie ältere Menschen, die gerade mal die Hälfte an Schuljahren absolviert haben.

Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 2007 ist El Salvador ein “junges Land”. Fast 35% der 5,7 Mio. Salvadorianer sind zwischen 5 und 19 Jahre alt. “Der Mangel an entsprechenden Arbeitsplätzen und das hohe Ausmaß an Gewalt  untergraben zunehmend die Regierbarkeit und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes“, befürchtet die UNDP-Vertreter. 

Quelle: ips

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Aktualisiert: 23. 12. 2008